Aus der Geschichte der Berggesetzgebung V
Zwischen 1817 und 1867 eröffneten etwa 250 verliehene Tonbergwerke. Deren Zahl ist so hoch, da auch kleinere Grubenfelder, die mit dem Glockenschacht abbauten, als ‚Bergwerk‘ gezählt wurden. Die Akten der Berg- und Hüttenkommission in Dillenburg berichteten über den Tonbergbau schon im Jahre 1776: „So viele Bestellungen auf Ton kommen, so viele Löcher, Gruben und Schächte werden gemacht. Ist die bestellte Partie gehackt, wird die Gräberei, wenn sie nicht schon während der Arbeit zusammengeht, dem Einsturz überlassen.“ (Schneider 1914, 15) Die ganze Gegend sei verwühlt gewesen, daher war das Tongraben in Teilen des Kannenbäckerlandes ab 1786 ein landesherrliches Privileg geworden. 1788 wurden die Gemeinden zu Meldebehörden für beantragte Belehnungen gemacht.
Bei einer amtlichen Zählung um 1880 wurden 180 Betriebe von Diez, 72 Betriebe von Dillenburg aus verwaltet. Wie auch beim Backen, so dürften auch beim Graben Belehnte ihre Rechte nicht selbst genutzt haben. 1892 wurden allein in der Gemarkung Siershahn 32 Tongruben mit 64 Arbeitern unter Tage gezählt. Bis zur preußischen Zeit, die 1866 begann, galt das Bergregal des Herzogtums Nassau. Es folgte das Allgemeine Preußische Berggesetz von l867. In der nassauischen Bergordnung vom 18.2.1857 (dem ‚Bergregal‘) wurde festgeschrieben, „daß dem Grundeigentümer das Verfügungsrecht über das auf seinem Besitz anstehende Mineral entzogen werden konnte.“ Durch das Preußische Allgemeine Berggesetz vom 1.4.1867 trat dann folgende Regelung in Kraft: Was bis dahin nicht verliehen war, ging an den Grundbesitzer, altes Recht galt weiter.
Im Unterwesterwald gab es etwa 180 bergrechtlich verliehene Tonvorkommen, oder landläufig ausgedrücktt: Tonbelehnungen. Rechtlich waren die Benutzung und die Ausbeutung der Tonlagerstätten nicht immer ganz klar.
1921 entstand ein ‚Tonkontor Rhein-Westerwald‘ als Zusammenschluß aller Ton-abbaufirmen. Die Firma Carl Itschert aus Vallendar spielte hier eine hervorragende Rolle. Am 15.7.l933 wurde das Reichsgesetz zur Bildung von Zwangskartellen, eine Maßnahme der Rohstoffsicherung und damit der Kriegsvorbereitung in Kraft gesetzt – die Tonunion wurde verstärkt. (Mayen 1985, 44) Solidarität beim Ausschöpfen natürlicher Ressourcen galt also wieder der Abwehr der Konkurrenten.
Heute gehört der Boden sieben Meter unter der Oberfläche dem Grundeigentümer, es sei denn, eine alte Belehnung gilt noch. Der Belehnte muss den Eigentümer in jedem Fall abfinden und in den alten Stand versetzen. Schneider, der übrigens die Bezeichnung ‚Krug- und Kannenbäckerland‘ verwendet (Schneider 1914, 5), relativiert früh den noch heute gepflegten Mythos von der Einzigartigkeit der Tonlagerstätten dieser Region. Hinsichtlich der Qualität und der Größe der Vorkommen scheint sich der Mythos zu bestätigen. Schneider hielt Klingenberg und Wiesloch für ebenso erwähnenswert, des weiteren Graphitlagerstätten bei Passau, Schwarzenfeld, Amberg, Kemnath, Mitterteich (Bayern), Großalmerode (Hessen), Coldlitz, Hubertusburg (Sachsen), Bunzlau (Schlesien). Allerdings hob er den hohen Aluminiumoxidanteil des Westerwälder Tones hervor, der die Standfestigkeit bewirkt. Durch die Verwitterung devonischer Gesteine während des Tertiär entstanden, unterscheidet sich der Ton in Primär- und Sekundärtone. Primärtone lagern am Entstehungsort und enthalten Kaolinit und Bentonit in hohen Anteilen. Sekundär gelagerte Tone sind durch die Verlagerung ‚gesiebt‘: Ball Clay, Mergelton und der Westerwälder Steinzeugton und der fette Pfeifenton. Gemeinsam mit dem Al203 ist SiO2 maßgebend für die Plastizität der Tone. In der NS-Zeit wurde erwogen, im Westerwald eine Aluminiumproduktion einzurichten, allerdings erwiesen sich die Lagen mit ausreichend hohen Al203-Anteil als zu gering. Zu diesen besten Lagen zählen: Ransbach mit 35 % Al203, Siershahn-Mogendorf mit 38%, Wirges-Leuterod mit 39% und Ruppach-Goldhausen mit 42% Al203.
Literatur
Heuser-Hildebrandt, B. (1995) Auf den Spuren des historischen Tonbergbaus im Kannenbäckerland. Mainz. Selbstverlag
Kügler, M. (1995) Pfeifenbäckerei im Westerwald. Rheinland-Verlag, Köln
Kuntz, A. (1998) Keramik im Kannenbäckerland : Produktgeschichte im Kontext regionaler Identitätsstiftung. In: Volkskundliche Fallstudien / Burkhart Lauterbach (Hrsg.). Münchner Beiträge zur Volkskunde ; Nr. 22
Mayen, K.-D. (1985) Tongräber im Westerwald. Siershahn. Eigenverlag
Schneider, G. (1914) Die Tonindustrie des Westerwaldes – Ihre Entwicklung und ihr heutiger Stand. Verlag Jakob Schneider, Thalheilm, 86 S